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Kann jeder deine Website benutzen? Barrierefreiheit, das Gesetz und ein Test in fünf Minuten

Seit Juni 2025 müssen viele Websites in der EU für Menschen mit Behinderungen nutzbar sein. Wen das betrifft, was die Regeln in klaren Worten verlangen und wie du deine eigene Website prüfst, bevor es jemand anderes tut.

Adí Aviram

Recht und Geld · · 8 Min. Lesezeit

Hände auf einer Braillezeile vor einer Tastatur
Foto: Compagnons, Unsplash

Stell dir drei Besucher vor. Eine liest deine Öffnungszeiten am Handy an einer Bushaltestelle in praller Sonne, und dein blassgrauer Text verschwindet. Einer kann keine Maus benutzen und bewegt sich mit der Tab-Taste durch die Seiten, und dein Kontaktformular lässt ihn nie bis zum Absendeknopf kommen. Eine ist blind und hört sich deine Seite über einen Screenreader an, der „Bild, Bild, Link, Bild“ ansagt und sonst nichts. Alle drei gehen. In der EU ist das für viele Unternehmen jetzt auch ein rechtliches Problem.

Dies ist der zweite Artikel unserer Reihe über Recht und Geld, nach dem über Cookie-Banner. Dieselben Regeln wie beim letzten Mal: klare Sprache, Quellen unten und keine Rechtsberatung.

Um wen es geht

Um mehr Menschen, als die meisten Websitebetreiber denken. Laut Eurostat gaben 23,9 % der Menschen ab 16 Jahren in der EU 2024 eine Behinderung an. Zähl alle dazu, die älter sind und winzige Schrift schwer lesen, alle mit gebrochenem Handgelenk oder einem schlafenden Baby auf dem Arm, alle mit einem billigen Handy in direkter Sonne, und Barrierefreiheit sieht nicht mehr nach Nische aus. Es ist der Unterschied zwischen einer Website, die an einem guten Tag für die meisten funktioniert, und einer, die für alle funktioniert.

Eine ältere Frau lächelt auf dem Sofa ihr Smartphone an
Barrierefreie Websites sind nicht nur für Menschen mit Screenreader. Größere Schrift, starker Kontrast und klare Knöpfe helfen allen, deren Augen oder Hände gerade nicht in Bestform sind. Foto: Vitaly Gariev, Unsplash.

Was das Gesetz sagt

Der European Accessibility Act, die Richtlinie (EU) 2019/882, gilt seit dem 28. Juni 2025. Für Websites zählt vor allem der elektronische Geschäftsverkehr: Dienstleistungen, die aus der Ferne über Websites und Apps erbracht werden und bei denen Verbraucher online einen Vertrag schließen. In der Praxis heißt das Onlineshops, Buchungen und Tickets, Bankdienste, E-Books und ähnliche Dienste für Verbraucher. Jedes EU-Land hat die Richtlinie in eigenes Recht umgesetzt. In Deutschland ist es das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, das Bußgelder von bis zu 100.000 € vorsieht; außerdem können Wettbewerber und Verbände abmahnen, derselbe Mechanismus wie beim Urteil zu Google Fonts.

Es gibt eine Ausnahme. Kleinstunternehmen, die Dienstleistungen erbringen, also mit weniger als zehn Beschäftigten und höchstens 2 Millionen € Jahresumsatz oder Bilanzsumme, müssen die Anforderungen nicht erfüllen. Die Ausnahme ist enger, als sie klingt: Sie gilt für Dienstleistungen, nicht für Produkte, und wer über eine der beiden Grenzen wächst, fällt darunter. Für Websites öffentlicher Stellen gelten schon seit Jahren eigene Regeln, nach einer Richtlinie von 2016.

Der technische Maßstab ist die europäische Norm EN 301 549, die für Websites die Web Content Accessibility Guidelines übernimmt, WCAG 2.1 auf Stufe AA. Die aktuelle Fassung der Richtlinien ist WCAG 2.2, veröffentlicht 2023, und eine neue Ausgabe der Norm auf dieser Grundlage ist im September 2026 erschienen. Wer heute nach 2.2 AA baut, deckt beides ab.

Was die WCAG verlangen, in klaren Worten

Die Richtlinien sind lang, aber das meiste, was auf Unternehmenswebsites schiefgeht, lässt sich auf eine kurze Liste herunterbrechen.

  • Text, den man lesen kann. Normaler Text braucht ein Kontrastverhältnis von mindestens 4,5 zu 1 gegenüber seinem Hintergrund, großer Text mindestens 3 zu 1. Blassgrau auf Weiß ist der klassische Fehler, weißer Text auf einem unruhigen Foto auch.
  • Bilder, die sagen, was sie zeigen. Jedes Bild, das eine Information trägt, braucht einen kurzen Alternativtext. Ein Foto deiner Ladenfront heißt „Unser Laden in der Hauptstraße, blaue Tür“. Ein dekorativer Schnörkel bekommt einen leeren, damit er übersprungen wird.
  • Alles funktioniert mit der Tastatur. Menüs, Formulare, Slider und Pop-ups müssen mit Tab erreichbar und mit Enter bedienbar sein, und man muss sehen, wo man gerade ist.
  • Formulare, die sich selbst erklären. Jedes Feld hat eine sichtbare Beschriftung, und eine Fehlermeldung sagt, was falsch ist („Bitte gib ein Datum nach heute ein“), nicht nur, dass etwas falsch ist.
  • Eine Struktur, die die Maschine lesen kann. Echte Überschriften in logischer Reihenfolge, die Sprache der Seite angegeben, Links, die sagen, wohin sie führen, statt „hier klicken“.
  • Nichts nur über Farbe. „Pflichtfelder sind rot“ scheitert bei allen, die Rot nicht sehen. Füg ein Wort oder ein Zeichen hinzu.
  • Platz zum Wachsen. Text lässt sich auf 200 % vergrößern, ohne dass das Layout zerbricht, und Videos haben Untertitel.

Den Kontrast kannst du am leichtesten selbst prüfen, deshalb gibt es hier einen Prüfer. Wähl deine Text- und Hintergrundfarbe oder probier die Beispiele. Das letzte ist unser eigenes Sonnengelb, und genau deshalb setzen wir darin nie Text auf hellen Hintergrund.

AusprobierenPrüf deine Farben
ÖffnungszeitenMontag bis Samstag, 10 bis 18 Uhr. Buch online eine Anprobe oder komm einfach vorbei.
2,6 : 1Normaler Text, AAGroßer Text, AANormaler Text, AAA

Berechnet mit der Formel der WCAG. Stufe AA braucht 4,5 : 1 für normalen Text und 3 : 1 für großen Text (etwa 24 px oder 19 px fett). AAA braucht 7 : 1.

Wie die meisten Websites abschneiden

Schlecht, und es wird schlimmer. Jedes Jahr testet WebAIM, eine gemeinnützige Organisation an der Utah State University, automatisch die Startseiten der einen Million meistbesuchten Websites. In der Ausgabe 2026 hatten 95,9 % der Startseiten erkennbare WCAG-Fehler, im Schnitt 56,1 Fehler pro Seite, nach 51 im Jahr davor. Text mit zu schwachem Kontrast war das häufigste Problem, auf 83,9 % der Seiten. Und sechs Fehlerarten, alle auf der Liste oben, machten 96 % von allem aus, was gefunden wurde.

0255075100Startseiten mit WCAG-Fehlern95,9 %Seiten mit schwachem Kontrast83,9 %Felder ohne Beschriftung51 %
Anteil der Startseiten unter der ersten Million, in Prozent. WebAIM Million 2026. Automatische Tests finden nur einen Teil der Probleme, das hier ist also das Minimum.

Die letzte Zahl ist der ermutigende Teil. Die meisten Probleme bei der Barrierefreiheit sind nicht exotisch. Es sind immer dieselben paar Fehler, wiederholt, und jeder davon ist günstig zu beheben, wenn die Website gebaut wird, und teuer nach einer Abmahnung.

Ein Test in fünf Minuten, den du heute machen kannst

Du brauchst keine spezielle Software, um die schlimmsten Probleme auf deiner eigenen Website zu finden.

  • Leg die Maus weg. Geh auf deine Startseite und drück immer wieder Tab. Siehst du immer, wo du bist? Kannst du das Menü öffnen, das Formular ausfüllen und auf Senden drücken?
  • Zoom auf 200 %. Drück Strg und + (Cmd und + auf dem Mac), bis der Browser 200 % anzeigt. Passt der Text noch, oder überlappen und verschwinden Dinge?
  • Hör sie dir an. Schalte VoiceOver auf dem iPhone oder TalkBack auf Android ein und lass dir deine Startseite vorlesen. Ergeben Bilder und Knöpfe Sinn, wenn du sie nicht siehst?
  • Geh raus damit. Öffne deine Website am Handy bei Tageslicht. Was dort schwer zu lesen ist, fällt auch beim Kontrasttest durch.
Hände tippen auf einer dunklen Tastatur
Der schnellste Test für Barrierefreiheit: Leg die Maus weg und drück Tab. Foto: Terrillo Walls, Unsplash.

Was ein Widget nicht repariert

Du wirst Dienste sehen, die Barrierefreiheit mit einer Zeile Code versprechen: ein Symbol, das eine Leiste mit größerer Schrift und höherem Kontrast öffnet. Sie ändern nur die Oberfläche der Seite. Sie ändern nicht den Code darunter, und der Code ist das, was ein Screenreader liest und worin sich eine Tastatur bewegt. Eine fehlende Formularbeschriftung fehlt weiterhin. Dasselbe gilt für Websites aus KI-Tools oder Vorlagen. Sie können ordentlich aussehen und trotzdem die Hälfte der Liste oben nicht erfüllen, weil ein Modell jede Lücke mit der häufigsten Wahl füllt, und die häufigste Wahl im Netz ist, wie WebAIM zeigt, nicht barrierefrei. Wenn du deine Website mit so einem Tool gebaut hast, ist der Test in fünf Minuten mehr wert als jede Leiste.

Was du die Leute fragen solltest, die deine Website bauen

Vier Fragen. Nach welcher WCAG-Stufe baut ihr? Testet ihr mit Tastatur und Screenreader oder nur mit automatischen Tools? Wer schreibt die Alternativtexte für die Bilder? Und wenn der European Accessibility Act für mein Unternehmen gilt: Wer schreibt die Erklärung zur Barrierefreiheit, die beschreibt, wie die Website die Anforderungen erfüllt? Wenn die Antworten schnell und konkret kommen, bist du in guten Händen. Wenn du dich sowieso auf eine neue Website vorbereitest, setz Barrierefreiheit auf die Liste, die du zum ersten Gespräch mitbringst.

Quellen

  1. Taylor Wessing: European Accessibility Act, Anforderungen an E-Commerce-Dienste (2025)
  2. Köksal: EU Accessibility Act und das deutsche BFSG
  3. European Platform for Rehabilitation: Eurostat-Daten zu Behinderung 2024
  4. Nexer Digital: Der WebAIM-Million-Bericht 2026, und der Bericht selbst auf webaim.org
  5. W3C: Web Content Accessibility Guidelines 2.2

Allgemeine Informationen, keine Rechtsberatung. Ob das Gesetz für dein Unternehmen gilt, hängt davon ab, was du an wen verkaufst; für deinen eigenen Fall frag einen Anwalt.

Porträt von Adí Aviram

Adí Aviram

Design, Illustration und SEO bei Frisun. Adí ist Creative Developer, Designerin und Illustratorin. Sie baut Websites, die eine Geschichte erzählen: Scrollytelling, Datenvisualisierung, interaktive Karten und Illustration. Sie hat an Projekten mit dem +972 Magazine, der Universität Göttingen und dem Goethe-Institut gearbeitet. Adí bringt die Farbe, die Bewegung und den Charakter in jede Website, die du von Frisun bekommst. Über das Studio

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